>> Wandern im Winter - verrückt?

Published by on 2009-01-13 02:35:52
Vermutlich bin ich im Moment ein wenig "angespitzt" durch Wigald Bonings "Bekenntnisse eines Nachtsportlers". Oder ich drücke mich, wie mir kürzlich jemand vorwarf, nur vor meiner gesellschaftlichen Verantwortung. Jedenfalls treibt es mich in die Ferne.

Besser gesagt: in eine "simulierte Ferne" – denn Sibirien wäre mir dann im Moment doch schon wieder zu viel Abenteuer. Vielleicht suche ich auch einfach das reale Leben, weg von diesem digitalen Mist, virtuellen Welten, nicht greifbaren Gedankenkonstrukten und Zahlenanhäufungen in endlosen Datenbanktabellen. Was hat das noch mit Atmen und Leben zu tun? Am Ende ist es nur jugendlicher Spieltrieb, der sich nie austoben konnte. Eigentlich: egal. Simulierte Fremde? Wie jetzt? Na, quasi so fühlen als wäre man ganz weit weg vom Alltag, aber ohne dafür eben nach Sibirien fahren zu müssen. Zuletzt bin ich dazu einfach in den Harz gefahren, da klappt das ganz gut; loslaufen vom Parkplatz, und nach ein paar Minuten ist man zwar noch auf befestigten Wegen, hat aber wirklich gute Chancen bis zum Abend niemandem zu begegnen. Ausser man geht auf den Brocken, aber solcherart touristisch erschlossener Ziele lassen sich ja vermeiden.

Irgendwann im November festigte sich jedenfalls erneut der Gedanke: es wäre eine gute Sache, noch vor Weihnachten mal wieder so richtig zu "gehen". Also nicht nur ein paar Meter von der Haustüre zum Bäcker, sondern – na ja, richtig eben. Zugegeben, Tagesetappen die deutlich länger sind als 20 Kilometer überfordern mich noch, aber die dürften es schon sein. Wald, Wanderstiefel, und nicht zu viel Zivilisation. Also eigentlich: Norwegen. Weil die Betriebsamkeit trotz allen Fernwehs aber nach wie vor ein wenig Raum im Leben einnimmt, waren mehr als zwei Tage nicht drin. Also, Norwegen wäre der Ferne zu viel - ein Kurzwanderurlaubsziel muss her.

Die Qual der Wahl: Das Reiseziel
Tja, und da fangen die Probleme dann ja auch schon an. Also nicht Probleme wie Regen, Kälte oder der Zusammenbruch des Weltwirtschaftssystems, sondern ein ganz profanes "wenn das ganze auch nur halbwegs entspannend sein soll, darf die Anfahrt keine Weltreise sein". Da geht er hin, der einwöchige Wanderspaß im Hohen Venn - tritt ein, schnöde Wirklichkeit, real existierender Dingsäh... na, Alltag halt. Dabei waren so schöne Bilder vom Hohen Venn in der letzten "NaturFoto" (wer's nicht kennt, das Hohe Venn ist ein Hochmoor nördlich der Eifel, rüber nach Belgien, 700m über Normalnull, hat was von Dartmoor oder den Dead Marshes).

Da im Norden nur plattes Land und keine wirklich Fußtauglichen (also naturbelassenen – Asphalt ist Mist für den Wanderer) Wege zu finden sind, bleibt nur der Süden, und weil eine lange Fahrt ja nicht in Frage kommt, auch nur der nahe Süden. Ergo: Teutoburger Wald. Da mein Wanderkollege einige Etappen des Hermannsweges bereits bewandert hat, wählen wir das erste Teilstück des südlich an den Hermannsweg anschliessenden Eggewegs, und zwar von Horn nach Altenbeken. Da geht's durch das angeblich hochromantische Silberbachtal, und die Externsteine (Felsformation) sollen auch sehenswert sein. Also, auf gehts! Ach so, eine Unterkunft muss noch her, denn Zelten wollen wir nicht. Warum noch mal nicht Zelten? Ach ja, der Winter. Kurzer Blick auf Google Maps, und ein etwas abseits gelegenes Etablissement mit günstigem Zimmerpreis und zugegeben "rustikaler" Aussenwirkung in Bahnhofsnähe (Rückfahrt) ist gefunden. Ist ja nur für eine Nacht - was soll schon passieren?

Anreise - Tag 1
Da es leider erst um 15:00 Uhr losgehen kann, wird vom ersten unserer zwei Wandertage nicht viel übrig bleiben – und die Nacht bricht im Dezember ja bereits recht früh über den Wanderwilligen herein. Wir entschließen uns für eine entspannte Anreise, Eile hilft niemandem. Ich muss eh noch mal in den Trekkingladen (Mittermaier lässt grüßen), ein paar Sachen kaufen. Nix großartiges, den Cheeseburger in der Dose habe ich ja schon bei der ersten Versorgungsrunde gekauft, ebenso lange Unterwäsche (Icebreaker), Fleecejacke (Mammut), Softshell (Bergans), Hose (Fjäll Räven) - also die komplette Markenreihe von vorne bis hinten. Aber am Hals, auf dem Kopf und an den Händen war's noch klamm beim Testlauf in der Stadt. Ich verlasse den Laden einen deutlich zweistelligen Betrag ärmer, mit Merinowollmütze (Icebreaker), Fleecehandschuhen (Berghaus, Polartec), und einem komischen Ding dass sich "Buff" nennt und hoffentlich meinen Nacken vor dem üblichen Auskühlen bewahren wird und mich damit vor Kopfschmerzen (Hersteller hab' ich vergessen, Polartec. Exakte Bezeichnung: Polar Buff. Es gibt noch andere). Im Grunde ein langer Schlauch, zur Hälfte Fleece, zur Hälfte Mikrofaser-Stretch. Kopf durchstecken und nach Lust und Laune formen. Warum kann Mann eigentlich einen Trekkingladen wirklich nicht verlassen, ohne teuren Kram zu kaufen? Wehe ich friere. Oder noch schlimmer, mir ist zu warm.

Mit einer Stunde angekündigter Verspätung wird mein Kollege verladen, und wir brechen auf Richtung Horn-Bad Meinberg. Die Fahrt ist Ereignislos, dafür die Ankunft um so... beeindruckender. Also ich habe wirklich nicht das Hilton erwartet, und ich bin trotz meiner Vorliebe für Vier-Sterne-Hotels auch nicht zimperlich, aber das so genannte "Hotel" erfüllt uns spontan mit Entsetzen. Wiederholen wir das Mantra: „es ist ja nur für eine Nacht“. Und noch mal: „es ist ja nur für eine Nacht“. Obwohl, wir hatten überlegt vielleicht zwei Nächte... erstmal einchecken. Und dann... irgendwo anders was essen.

Was so entsetzlich ist? Wir besprechen es bei einem Jägerschnitzel im Dorfkrug. Also erstmal erschreckt das komische Gefühl, nahe Verwandte der Ludolfs aus der bekannt-beliebten DMAX-Autoschrotthandel-Serie würden hier ein Hotel betreiben. Im Fernsehen wäre das bestimmt ne lustige Sache, aber selber drin übernachten? Dann: der nicht zu verdrängende Gedanke an die Trailer von "Hostel" 1-4, inklusive der furchteinflößenden heruntergekommen Gesamtsituation, dem Counterstrike-spielenden Sohn, dem Nachbarzimmer in dem ständig der Fernseher läuft, und einem Kohlenmonixid-Level der ein Krematorium im Keller nahe legte. Logo, irgendwo müssen die zerteilten Gäste ja hin, nicht alles kann in der hausgemachten Wurst für die Wurstplatte auf der Speisekarte... verfolgen wir den Gedanken hier besser nicht weiter. Auf meinem Laken sind rote Flecken (unterm Kopfkissen – zugegeben, winzig, aber sie sind da), dafür ist meine Dusche erträglich sauber. Im anderen Zimmer ist die Dusche ein Farbentraum aus Schwamm und Schimmelflecken, dafür sind die Laken sauber. Ich lüfte sofort. Mein Klo befindet sich auf dem Gang (das war auch angekündigt) - und scheint Teil des Schornsteins der Holzheizung (Krematorium?) im Raum darunter zu sein. Anders ist die Qualmgeschwängerte Luft nicht zu erklären, man kann wirklich schwer atmen. Fenster gibt’s nicht. Die Kloschüssel ist übrigens Porentief rein, das Waschbecken hingegen ein Sündenfall - hier wird wohl recht selektiv gereinigt.

Zur Illustration einfach mal der Blick aus meinem Zimmerfenster:
Hermannsweg // Schöner Blick

Egal, es ist ja sowieso neblig, und Meerblick war nicht angekündigt. Nachdem wir gegessen haben, kommt mir ein lustiger Gedanke: mein Kollege hat seine Kopflampe bestimmt dabei, warum also kein Verdauungsspaziergang zu den Externsteinen? Da kommen wir zwar auf der richtigen Wandertour ohnehin vorbei, es ist bereits Stockduster und nieselt leicht, aber im Hotel will man keine unnötige Minute verbringen, die Luft ist herrlich, und Wigald hat gesagt, wer zuhause Abenteuer erleben will: einfach mal Nachts rausgehen. Mein Kollege ist sofort dabei, wir brechen also auf in die kalte Winternacht. Die Wanderkarte suggeriert zwar, dass es so um die sechs Kilometer Gesamtstrecke werden dürften, und es ist bereits deutlich nach 19:00 Uhr - aber wir haben ja auch nix besseres vor. Wir streunen also über die Feldwege zu den Externsteinen, es geht ein wenig hoch, ein wenig runter, durch den kleinen Ort Holzhausen durch, und dann ist man auch schon da. Wobei „schon“ etwas übertrieben ist, des Nachts braucht die Strecke schon ihre Zeit, und ich hoffe ob der für den folgenden Tag geplanten 20 Kilometer, dass es sich beim Hinweg doch wohl auf jeden Fall um deutlich mehr als die geschätzten drei Kilometer gehandelt haben sollte. Denn ich bin schon ein wenig geschafft, einige Problemstellen an den Füßen melden sich – und dann nur drei Kilometer? Näää, vier, mindestens. Aber wir kommen ohne größere Probleme bei den Externsteinen an. Schon ein gutes Gefühl, es hat auch nur leicht genieselt, und bei Nacht sieht man so etwas wirklich nicht oft; hat einen ganz eigenen Charme.

Aber was will man eigentlich spätnachts bei den Externsteinen, wenn man weder Neopaganist noch sonstwie okkult veranlagt ist? Weiss ich auch nicht, aber man könnte ja wo man schon mal da ist ein paar Fotos machen. Also raus mit dem Stativ... was ist das eigentlich für ein Licht da hinten? Hören wir andere Wanderer? Oder gar böse Menschen, die harmlosen Wanderern die Rücksäcke klauen werden und uns in den nahen See schmeissen? Nein, wohl doch nur eine Lampe, die von irgendwo durch den Wald blitzt. Oder? Da sind doch Schritte. Vielleicht. Na, Kamera auf das Stativ, und ein paar Langzeitbelichtungen gemacht.

Hermannsweg // Externsteine At Night

Merke: wer Fotos machen will, die nicht schon hundert mal gemacht wurden, mache sie zu ungewöhnlichen Zeiten, bei ungewöhnlichem Wetter, oder beides. Großes Ärgernis ist der Nieselregen, der immer wieder die Linse besprenkelt. Wir fotografieren etwa eine Stunde (ohne unerwartete Besucher) - die Kälte kriecht langsam den Rücken hinauf, aber im Grunde halten die Klamotten was der Kaufpreis versprochen hat. Dann machen wir uns wieder auf den Heimweg. Brilliant: das Gefühl, nach 30 Minuten mit kalten Händen in die am Körper warmgehaltenen Handschuhe schlüpfen. Manchmal sind ganz simple Dinge total toll; ich glaube deswegen mag ich solche Touren; plötzlich bekommt alles ein ganz anderes Gewicht. 100.000€ Fehlbuchungen in einer Provisionsabrechnung? Was ist das schon gegen kalte Hände!

Der Rückweg fühlt sich kürzer an als der Hinweg, ist es aber nicht wirklich. Etwas matt aber doch zufrieden den Kurzurlaub mit einer guten "Einlaufstrecke" begonnen zu haben, kehren wir in die, äh, Heimstatt zurück. Da ist auch gleich wieder das komische Gefühl... Ablenkung! Die erste Folge "Long Way Down" – mit dem Motorrad von John O' Groats nach Kapstadt – rundet den Abend ab. Wir versuchen zu schlafen, und schliessen beide die Türen ab. Ich bin gespannt auf das Frühstück (und ob wir es erleben werden). Wegstrecke übrigens laut Google Earth, peinlich genau vermessen: 8,49km. Das lässt hoffen für den kommenden Tag.

There ain't nothin' stoppin' us going now, but the leaving of it all - Tag 2
OK, die Nacht war begrenzt erholsam. Immerhin haben wir überlebt, kein Kettensägenmassacker, keine Kohlenmonoxidvergiftung. Das Frühstück entspricht dann leider meinen Befürchtungen: Käse und Wurst auf dem Teller sind zwar ansprechend angerichtet, sehen aber doch aus als hätten sie ihr eigenes MHD bereits vor Wochen vergessen. Ich hatte vor, mich in diesem Fall auf hoffentlich vorhandene Fertigpackungen zu beschränken; ein Blick unter das Frischkäse-Töpfchen (amerikanische Großstadt, Heimat „His Smithness - Fresh Prince of Bel Air“) belehrt mich eines besseren – auch hier ist das MHD überschritten. Und zwar seit Monaten. Ach, egal. Butter - nicht ranzig - und Marmelade, 50% Zucker kann eigentlich nicht schlecht werden. Kaffee bitte - wer weiss wie (woraus) die hier Tee kochen. Der Kollege wählt Tee. Schaut säuerlich beim Trinken. Der Kaffee ist ganz OK... glaube ich. Die Brötchen wirken frisch aufgebacken. Obwohl, es klebt komisches Papier drunter. Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter. Wir zahlen schnell, stellen begeistert fest das wir bereits beide alle Habseligkeiten gepackt haben, und verlassen zum zweiten mal fluchtartig unsere Unterkunftsnemesis. Nächstes mal auf jeden Fall mit Notzelt im Kofferraum starten! Beim Verlassen des Parkplatzes lachen wir erleichtert eine Runde, obwohl uns die Besitzer auch irgendwie leid tun; wahrscheinlich geben sie sich alle Mühe, aber es langt halt irgendwo nicht hin.

10:00 Uhr - Marktkauf
Wir brauchen noch Verpflegung, ein paar Corny (Geschmacksrichtung "Banane"), Bananen (echte), Trinkwasser (still). Ausserdem brauchen wir beide einen Pfefferminztee, willkommen beim Hypochonderclub Osnabrück-West. Zum Glück gibt es im Marktkauf neben dem typischen Mini-Café auch eine Luxustoilette. Haben wir alles? Wir haben alles.

10:30 - Parkplatz
Es geht los. Um die 0°C, leicht diesig, kein Regen – perfekt. Wasser umgefüllt, Karte gechecked, warm eingepackt, und auffi geht’s gemma Buan. Der Weg führt uns zunächst durch den sogenannten „Ortskern“ von Horn (etwas verschlafen, aber eigentlich ganz hübsch), dann wieder Richtung Externsteine. Die kennen wir ja schon von gestern Abend, aber ich möchte noch einige Fotos im Nebel machen. Auch bei Tage: eine beeindruckende Gesteinsformation für diese Region, durchaus sehenswert. Irgendwie bin ich sehr froh, die Grabstelle am Fuße der Externsteine nicht schon im dunkeln besucht zu haben – sowas gruselt mich immer.

Hermannsweg // Externsteine Hermannsweg // Externsteine Hermannsweg // Externsteine

Der Zugang auf die Aussichtsplattform ist im Winter gesperrt, aber ob des feuchten Wetters bin ich darüber auch nicht besonders unglücklich; zumal es dank Nebels ja auch gar keine Aussicht im eigentlichen Sinne gibt. Der Eggeweg führt uns nun von den Externsteinen in südlicher Richtung zunächst über die letzte zivilisatorische Hürde des Tages, die Bundesstraße 1. Nachdem diese überwunden ist, schlängelt sich der Weg durch das Silberbachtal, vorbei an der Silbermühle. Es ist tatsächlich relativ romantisch (verglichen mit meinetwegen dem Ringlokschuppengelände in Osnabrück) – im Harz wäre es eine Bergstraße wie jede andere.

Hermannsweg // Talweg 2

Nach der Silbermühle beginnt auch der Anstieg auf den Kamm, auf dem wir den Rest des Weges zurücklegen werden. Die knapp 200 Höhenmeter strecken sich ganz gut, der Weg fällt – gerade mit der Erinnerung an die Touren im Harz – relativ leicht. Aus gutem Grund liegt unser Mittagsziel auf dem höchsten Punkt der Route, dem Velmerstot. Dort sollte es eine schöne Aussicht geben, und eine Schutzhütte für uns und den Gaskocher. Aber noch sind wir ja nicht da. Dann doch noch eine Überraschung im nebligen Herbstwetter-Einerlei, mit dem ich mich für den Tag eigentlich schon abgefunden hatte: wir erreichen die Frostgrenze. Offensichtlich ist es oberhalb der 400m kalt genug gewesen für reichlich Raureif - und genau hier und zu diesem Zeitpunkt, auf dem letzten Wegstück vor dem Velmerstot, bricht nun die Sonne den Nebel auf. Das Fotografenherz macht einen Luftsprung, und auch dank des aufmerksamen Blicks meines Wanderkollegen gelingen einige herrliche Aufnahmen, die noch lange Freude bereiten werden. Endlich mal zur richtigen Zeit am richtigen Ort – ein gutes Gefühl. Der frostigen Wald macht auch beim Laufen richtig Laune, einfach eine Augenweide. Schhhhht! Da vorne sind Rehe! Und schon weg. Nicht mal im Traum Zeit, die Kamera auszupacken. Aber manchmal ist das auch nicht wichtig, und der Augenblick zählt.

Hermannsweg // Way Up

Hermannsweg // - /|/

Hermannsweg // Licht ist alles 3

13:30 Uhr – Velmerstot
Einen steilen Anstieg später breitet sich vor uns die Lichtung des Lippischen Velmerstot, eine der beiden Velmerstot-Kuppen, aus. Die Sonne hat den Nebel aufgelöst, und mit Begeisterung stelle ich fest, dass es über Nacht einen starken Eisregen gegeben haben muss. Sofort wird das Weitwinkel gezückt, um auch diese Eindrücke auf den Sensor zu bannen.

Hermannsweg // Far View 2 Hermannsweg // Velmerstot Gedenkstein Hermannsweg // Heide Hermannsweg //  Freezing Rain

Aber auch ohne Kamera: der Weg hat sich gelohnt. Zwar ist der Ausblick durch den tiefer hängenden Nebel immer noch eingeschränkt, aber der Himmel ist strahlend blau, und die kalte Waldluft entschädigt für jeden Meter Wegstrecke. Genau DAS hatten wir gesucht, und ich glaube wir sind fündig geworden. Übrigens ist Nebel am frühen Morgen fast immer ein Garant für einen blauen Himmel, sofern die Sonne genug Kraft hat, ihn aufzulösen. Hat irgendwas mit der Nebelbildung zu tun, jedenfalls gibt es dann selten Wolken drüber.

Aber wäre es jetzt langsam gut, die Schützhütte ausfindig zu machen... irgendwie weisen alle Wegweiser ins Leere. Gerade als wir uns durch die Schilder („Hütte -->“ - „<-- Hütte“) maximal veralbert vorkommen, entdecken wir die Schutzhütte. Ganz ehrlich: ich war schon lange nicht mehr so enttäuscht und erheitert im gleichen Moment. Hört sich vielleicht komisch an, geht aber wirklich. Hermannsweg // Refuge

Also wird unter freiem Himmel gekocht. Im Grunde aufgrund des tollen Sonnenscheins und wunderbaren Himmels auch kein so großer Verlust. Leider gelingt es aber nicht so gut wie erhofft, es ist dem Kocher entschieden zu kalt, den guten halben Liter Wasser für den „Elchtopf“ wenigstens ansatzweise auf Siedetemperatur zu bringen. Wir vertilgen erstmal den Cheeseburger aus der Dose, schmeckt kalt genau wie eine bekannte Hosentaschenpizza. Aber: der Hunger, den wir inzwischen haben, macht es zu einem Gourmet-Menü. Nach einer gefühlten Ewigkeit beschliessen wir, dass das Wasser für so ein Trekking-Gericht nicht wirklich kochen muss. Der Elchtopf ist dann zwar nur lauwarm, aber besser als nichts. Uns geht auch die Zeit aus, denn inzwischen ist es bereits nach 15 Uhr, und da der Velmerstot ungefähr die Wegmitte markiert, stehen uns noch mal 10km Fußmarsch bevor. Zum Glück hat mein Wanderkollege seine Kopflampe eingesteckt, sonst könnten wir uns hier schon mal überlegen, wo man den Kamm vorzeitig verlassen kann. Denn eine Wanderung im Dunkeln ohne eigenes Licht auf dem durch den Eisregen vereisten Wurzelwerk wäre schlichtweg zu riskant. Während des Kochens kam übrigens eine Frau mit Beagle vorbei – es geht nichts über das Gefühl, völlig normal bekleideten Sonntagsspaziergängern in einem Outfit zu begegnen, mit dem man vermutlich auch den Nordpol erreichen könnte. Oder wenigstens das Nordkap. Den Skagerrak. Ach ihr wisst was ich meine.

Hermannsweg // Last, But Not Least: Clouds Again

Nach einem kurzen Marsch und einigen Kurven, die meinen Richtungssinn völlig verwirren, erreichen wir auch den Preussischen Velmerstot, die zweite Kuppe auf unserem Weg. Wir haben aber nur noch den Rückweg im Kopf, denn die Zeit drängt jetzt wirklich; Fotos machen wir auch keine mehr, das nehme ich der Einfachheit halber hier mal vorweg. Die Sonne verschwindet bereits langsam hinter den Baumwipfeln. Uns kommt ein Mountainbiker auf der völlig vereisten Kuppe entgegen. Ich weiss nicht mal wie er da hochgekommen ist, wir stellen die These auf, dass er mit einem Hubschrauber abgesetzt wurde.

Nachdem sich der Weg über die Kuppen kräftig gewunden hat, geht es nun gerade am Kamm entlang. Etwas nervig hierbei die Tatsache, dass der Weg zwar hübsch „wild“ durch den Wald verläuft, und es sich auf dem abwechslungsreichen Waldboden auch toll läuft – man aber im Grunde immer drei Meter links von der asphaltierten Kammstraße unterwegs ist. Hier braucht es schon viel Fantasie und einen starren Blick nach links, um nicht alle paar Schritte etwas zu denken wie „Taxi“ oder „Linienbusverkehr“. Nach einigen Kilometern zweigt der Weg wieder von der Straße ab, und gleichzeitig wird es nun schnell sehr dunkel. Überraschend kommt das nicht mehr, ich habe schon einige Zeit vorher festgestellt, dass Hast nichts mehr bringen wird – bei Tageslicht werden wir nicht ankommen. Eigentlich machen wir auf dem nun ständig leicht bergab führenden Weg ein gutes Tempo, aber trotzdem kommen die Wegmarken die wir laut Karte vermuten würden für mein Empfinden alle viel zu spät. Kein Zweifel, wir sind richtig – aber ist das wirklich noch so weit?

16:30 – Dunkler Wald
Noch immer haben wir das eingezeichnete „Schwarze Kreuz“ – eine Gedenkstätte – nicht erreicht, kurz nach der wir die Abzweigung Richtung Altenbeken nehmen müssen – sonst wird der Weg über die Hauptstraße noch mal 3 Kilometer länger ausfallen. Oder sind wir schon vorbei? Es ist stockduster, und Nebel zieht auf, welcher das Laufen auch mit Kopflampe vor allem für den Träger extrem schwierig macht. Wenigstens sind kaum noch Wurzeln vereist, so das man recht trittsicher voran kommt.

17:00 – Schwarzes Kreuz
Ich empfinde es als Ewigkeit, aber kurze Zeit später erreichen wir die Schutzhütte am Schwarzen Kreuz, und legen eine letzte Pause ein. Von hier sind es noch knappe vier Kilometer bis zum Bahnhof – aber steil bergab. Andererseits – oder besser zum Glück – ist der Weg nicht mehr vereist, somit sollte es keine Probleme geben. Durchatmen – Rucksack schultern – runter vom Berg. Was passiert eigentlich, wenn die Kopflampe aufgibt? Der Weg ist zwar gut, aber ohne Licht, bei dem Gefälle? Spekulationen über Ersatzleuchtmittel ergeben als vermutlich optimales Leuchtenersatzdevice meinen iPod nano – die Kopflampe muss einfach durchhalten.

18:00 Uhr – Bahnhof
Dann erreichen wir nach einem doch als kurz empfundenen Abstieg die Stadtgrenze von Altenbeken. Die letzten zwei Kilometer durch die Stadt sind eine Qual, der harte Boden ist unbequem zu laufen, und knapp 20 Kilometer stecken mir doch heftig in den Knochen. Aber dann sitzen wir im Zug, und gondeln gemütlich zurück nach Horn. Die Verbindung ist günstig, und wir waren sogar passend zur Zugabfahrt dort – perfekter kann man's eigentlich nicht mehr machen, oder? OK, man hätte das mit der Dunkelheit vermeiden können – aber irgendwie fühlt es sich richtig an. Bei Tag wandern kann doch jeder. In Horn müssen wir dann noch mal halb durch die Kleinstadt, aber das Auto, die Sitzheizung und das warme Gebläse locken so sehr, dass der Endspurt relativ leicht von den Füßen geht.

Fazit
Ich kenne die anderen Etappen von Hermanns- und Eggeweg nicht, aber diese (zugegeben nur halbe Etappe) war sehr schön. Man ist umgeben von Natur, durchquert keine Städte oder große Straßen, und der Weg ist zum Großteil unbefestigt, so dass es sich angenehm läuft. Die Höhen sind absolut überwindlich, und einen wirklich hässlichen Abschnitt gibt es nicht. Ich würd's weiterempfehlen.

Zusammengenommen waren Nachtwanderung, Hotel und Tagesetappe fast mehr, als man in zwei Tagen erleben möchte, und andere fahren für sowas nach Sibieren oder in die ungarische Steppe. Mission accomplished.

Ach so: der „Buff“ ist genial. Kann man benutzen als Windschutz, über den ganzen Kopf ziehen, nur bis zur Nase hoch, oder einfach nur als Halswärmer. Stört nie, hält warm. Kann ich nur empfehlen.

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15 Comments

  • Comment from Sel on 2009-01-13 13:28

    Interessant: Im IE werden die Bilder/Filme (?) nicht angezeigt. Aber wen stört das schon. Deinen Blogeintrag kann ich mir mal heute als Bettlektüre antun.

  • Comment from Florian on 2009-01-13 21:25

    Wow. Echter, lesenswerter, umfangreicher Content mit tollen Bildern. Das hatten wir ja noch nie hier! (keine Ironie)

  • Comment from Sel on 2009-01-13 21:31

    Ja, ich bin die (eine von den) Strecke(n) auch schon mal mit Sommersandalen gelaufen. Damals, als wir noch regelmäßig zum Mittagessen zur Silbermühle gefahren sind und anschließend einen Spaziergang gemacht haben. Ist landschaftlich sehr schön gelegen.

    Aber ich bin etwas entsetzt, dass du noch NIE bei den Externsteinen gewesen bist. Da ist mein Papa mit uns ständig hin gefahren. Mit jedem verdammten Austauschschüler mussten wir da hin gurken und auf den Felsen steigen. Ist zugegeben etwas abenteuerlich. Vor allem wenn man über die Brücke geht. Da hab ich mich immer gefragt, ob die regelmäßig überprüft wird.

    So nen Buff wollte ich Trocken schon mal im Sommer andrehen. Gibt's nämlich auch als Sommerversion mit Sonnenschirm dran. Das wäre die einzige Kopfbedeckung, die seinen Kopp vor der Sonne schützen würde. Aber er wehrt sich erfolgreich :)

  • Comment from lgw on 2009-01-14 01:40

    Ich komme halt nicht aus Osnabrück, sondern ausm Emsland. Frag mal Trocken, wie oft der schon bei den Externsteinen war. Und dann, wie oft er in Groß-Hesepe im Moormuseum gewesen ist. Woll :)

    Ansonsten danke für die Blumen.

    Den Buff geb' ich nimmer wieder her, das Ding ist eigentlich für jede Gelegenheit brilliant.

  • Comment from Florian on 2009-01-14 09:47

    Externsteine kenn ich nur aus dem Fernsehen und Internet. Moormuseum hab ich aber schon live gesehen :)

  • Comment from Sel on 2009-01-14 10:29

    Sag das nicht Vaddi. Der fährt da gleich nächstes WE mit dir hin *g*

  • Comment from lgw on 2009-01-14 12:37

    Da halte ich doch mal fünfe hoch zum Einschlagen ;)

    Ist aber hübsch da, kann man ruhig mal nen Tagesausflug hin machen, bisserl spazieren gehen, etc. Im Sommer ist natürlich der ganze Rasen auf den Fotos voller Leute die Eis essen und so - da fand ich den Winter schon besser 8-)

  • Comment from rennbert on 2009-01-14 13:27

    Ich will mit zum Externstein. Habe ich auch noch nie gesehen. Im Emsland gibt es nur öde Hühnengräber, die aber total öde sind. Nimmt mich wer mit? ;-)

  • Comment from ket on 2009-01-14 14:40

    ich auch, ich auch

  • Comment from Lea on 2009-01-14 17:17

    und ich erst - ich war auch noch nicht da! Gruppenreise? Grillen?

  • Comment from Florian on 2009-01-14 20:32

    Grillen! Und Esoteriker begucken! Und von den Externsteinen runterspucken. Bin dabei!

  • Comment from rennbert on 2009-01-14 23:25

    ;-) fein, dann haben wir ja ne 1a Reisegruppe zusammen. Grillen und Biertrinken sollte man dort umbedingt unterbringen können.

  • Comment from Florian on 2009-01-15 09:45

    Oh. Ich habe Bier nicht erwähnt. Mea Culpa. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich die Anwesenheit von Bier bei einer Grillreise implizit annahm.

  • Comment from lgw on 2009-01-15 11:46

    Ist nur die Frage ob Grillen da erlaubt ist 8-)